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Schriftenreihe: Leseprobe 1     

 
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Hamburgisches Architekturarchiv der Hamburgischen Architektenkammer

 
Titelseite

Axel Schildt: Die Grindelhochhäuser. Eine Sozialgeschichte der ersten deutschen Wohnhochhausanlage - Hamburg-Grindelberg 1945 - 1956. Hamburg: Christians Verlag, 1988. Vergriffen

"Auch wenn das "Hamburg project" bis in den Juni hinein geheimgehalten wurde, verdichteten sich doch aufgrund organisatorischer Maßnahmen Gerüchte, die Angst erzeugten, zumal auch unabhängig vom Umzug des Hauptquartiers sich Requirierungen häuften. Die Ahnung bevorstehenden Unheils erfaßte nacheinander die für das "Hamburg project" vorgesehenen Stadtteile...

Am 28. März wurde das Areal zwischen Oberstraße, Brahmsallee, Werderstraße und Grindelberg, also die nördliche Hälfte des Grindelberggebiets geräumt. Betroffen wurden davon 105 Familien bzw. 273 Personen. Ein Zeichen für die überhastete Planung: Noch während der Durchführung der Aktion kam die Anweisung, dass die Räumung noch hinausgeschoben werden könne, weil die Vorbereitungen für die Evakuierung des gesamten Gebietes noch nicht abgeschlossen wären. Bis auf 16 Familien kehrten daraufhin alle Ausgewiesenen wieder in ihre Wohnungen zurück. Dort mußten sie allerdings feststellen, dass bereits Fußböden, Türen, Fenster, Toiletten und Lichtleitungen entfernt worden waren. Ein neuer Räumungstermin wurde den Bewohnern nicht mitgeteilt, so dass sie wochenlang in Ungewißheit leben mußten. Welche psychische Belastung dies mit sich bringen konnte, verdeutlichte eine Bewohnerin, die später in eines der Hochhäuser einzog. Sie erlitt in der Oberstraße, auf die Räumung wartend, eine Frühgeburt und wußte, als sie dann in der Klinik lag, nicht einmal, wo sie hinterher wohnen würde. Inzwischen hatten die deutschen Behörden für das Grindelberggebiet eine Zahl von 862 zu evakuierenden Personen ermittelt, kurz darauf war von 815 die Rede. Wie viele Menschen dann wirklich evakuiert wurden, ist unbekannt. Es dürften schließlich etwa 500 bis 600 Menschen gewesen sein...

Kenner der Szene dem britischen Geheimdienst mitgeteilt, die Militärregierung sollte sich nicht wundern, wenn Teile der Bevölkerung wegen der allgemeinen Lage zu "aktivem Widerstand übergehen würden. Am 27. Juni schließlich begab sich eine Abordnung von Frauen aus den betroffenen Zonen A und B zum Hamburger Rathaus, um Bürgermeister Petersen eine Petition zu übergeben. Darin zeigten sie sich bestürzt über das untragbare Schicksal, das ihnen nur ein Jahr nach dem harten Krieg bevorstehe. Die Presseveröffentlichungen über das "Hamburg project" kritisierten sie als geschönte Berichterstattung. Aus verläßlicher Quelle wüßten sie, dass es in Wirklichkeit 75000 Evakuierte werden würden - und dies angesichts eines aussichtslosen Ersatzwohnungsprogramms. Die Alliierten seien einmal angetreten, Ungerechtigkeit, Pein, Furcht und Hass aus der Welt zu verbannen. Die Evakuierung der Bevölkerung aus den letzten unzerstörten Teilen der Stadt passe dazu schlecht. Ein Engländerviertel, bewohnt von gesunden und gut genährten Menschen, inmitten des allgemeinen Hungers, würde zum Symbol eines unerträglichen Kontrastes werden, würde zur Quelle von Neid, Mißgunst und Hass. Als unpolitische Bürgerinnen, die wie in allen Ländern anders dächten als die Männer, seien sie der sichere Hort der Familie und der Kinder, hätten einen natürlichen Hang zum Frieden. Aus diesem Blickwinkel sähen s ie in dem geplanten Projekt große Gefahren. Über das Internationale Rote Kreuz wolle man die Öffentlichkeit vor allem in England und den USA für sich gewinnen...

Um 11 Uhr 30 fing die Menge an, immer wieder das Deutschlandlied zu singen. Einige Frauen wurden - so der Bericht des Geheimdienstes - allmählich hysterisch beim Brüllen ihrer Parolen. Ein Mann versuchte, das Horst-Wessel-Lied anzustimmen und rief "Heil Hitler!". An einer Stelle des Platzes wurden einige Besatzungsangehörige von drei Frauen lautstark beschuldigt, sie seien von ihnen mißbraucht worden. Angesichts der feindseligen Menge wagten die Soldaten nichts zu erwidern. Inzwischen hatte der Bürgermeister die Frauendelegation empfangen, die jegliche Verbindung zu den Demonstranten bestritt. Die Frauen schilderten nochmals die Stimmung in den betroffenen Gebieten und forderten, Quartiere für die CCG, sollten sie erforderlich sein, außerhalb Hamburgs zu errichten. Petersen erklärte, nichts ändern zu können, versprach aber, niemand würde ausgewiesen, bevor nicht annehmbarer Ersatzwohnraum für ihn vorhanden sei...."

 
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Karl Heinz Hoffmann
Hamburgisches Architekturarchiv