|
"Oskar Gerson suchte mit seiner Familie zunächst Zuflucht in
London, um dort auf Einwanderungspapiere für die USA zu warten. Nach einem
Monat Aufenthalt bestiegen die Gersons den holländischen Liniendampfer
Delftdijk, mit dem man Ende Februar 1939 den Hafen von San Francisco erreichte.
Die Reise endete in der Universitätsstadt Berkeley am Ostufer der San
Francisco Bay, wo der bereits 52jährige, der - wie sein Bruder - den
anglisierten Vornamen nun auch offiziell verwendete, beruflich von vorn
anfangen mußte. Um eine Arbeitserlaubnis in seinem Beruf zu erhalten,
stellte er im November 1939 bei den zuständigen kalifornischen Stellen
einen entsprechenden Antrag, in dem er die zahlreichen in Deutschland
entstandenen Bauten aufzählte. Damit hatte er Erfolg; er durfte jedoch
anfangs nicht allein praktizieren, weshalb er zunächst als Partner des
Architekten Samuel Goodman in Berkeley auftrat. In dieser Konstellation gelang
ihm der Bau einiger Wohnhäuser, bis der Ende 1941 vollzogene
Kriegseintritt der USA die zivile Bautätigkeit einschränkte.
Oscar Gerson begann als Kranführer in einer Schiffswerft, in
der Truppentransporter der Liberty-Klasse auf Kiel gelegt wurden. Wegen
gesundheitlicher Probleme mußte er diese Arbeit 1942 aufgeben und
wechselte in einen optischen Betrieb in Berkeley, wo er als Linsenschleifer
für den Bedarf der US-Navy arbeitete. Noch während des Krieges konnte
er 1944 in seinen Beruf zurückkehren, den er bis ins Alter von 71 Jahren
ausübte. Viele seiner Bauherren waren, wie er, aus Deutschland
geflüchtete Juden, darunter auch alte Freunde und Verwandte aus Hamburg.
Für den Lebensunterhalt reichten seine Einkünfte mitunter nicht aus,
so daß er immer wieder gezwungen war, Teile der aus Deutschland
geretteten Kunstsammlung zu mäßigen Preisen zu verkaufen. Das San
Francisco Museum of Modern Art besitzt heute den einst von Oscar Gerson in die
USA mitgebrachten Steinigen Weg des Expressionisten Franz Marc.42 Für die
damals mit Originalen der klassischen europäischen Moderne nicht gerade
reich gesegnete Museumsszene der Westküste war das Gemälde zu dieser
Zeit eine nicht zu unterschätzende Bereicherung."
|