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Schriftenreihe: Leseprobe 22    

 
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Hamburgisches Architekturarchiv der Hamburgischen Architektenkammer

 
Titelseite Grindelhochhäuser 2007

Axel Schildt: Die Grindelhochhäuser. Eine Sozialgeschichte der ersten deutschen Wohnhochhausanlage - Hamburg-Grindelberg 1945 - 1956. Erweiterte Neuausgabe. München und Hamburg: Dölling und Galtiz, 2007. 245 Seiten und 1 DVD

Am 6. Dezember 1945 versammelten sich im „Standard House"9 an der Binnenalster 30 Offiziere der britischen Besat- zung in der Hansestadt.10 Sie sollten sich Gedanken über den geplanten Umzug und die Unterbringung des Hauptquartiers machen. Dabei betonte Colonel Montague, Kommandant der in Hamburg stationierten 10. Garnison, dass es sich ausschließ- lich um Planungsüberlegungen handele und noch keinerlei praktische Schritte unternommen werden dürften. Aber schon solche Planung stieß auf große Schwierigkeiten; denn es war völlig ungewiss, aufweiche Personenzahl die Besatzungsver- waltung bis zum Umzug angewachsen sein würde. Angesichts dessen kam zunächst nur eine ungefähre Bestandsaufnahme zustande. Vorgeschlagen wurde ein zusammenhängendes Büroviertel um den Sprinkenhof in der Nähe des Hauptbahn- hofes. 9.000 britische Personen der Besatzungsverwaltung, so schätzten die lokalen britischen Stellen, würden einmal in die- sem Büroviertel arbeiten." Wohnen sollte das Personal über- wiegend im Stadtteil Blankenese, am nördlichen Eibufer und an der westlichen Stadtgrenze gelegen, weil dort bereits zahl- reiche Militärbaracken der lokalen Besatzungsverwaltung zur Verfügung standen. Zusätzlich wurde ein Gebiet nördlich der (Außen-)Alster und der nordöstliche Vorort Volksdorf vorge- sehen. Es handelte sich um gutbürgerliche Wohngegenden, die nur wenig zerstört waren und S- oder U-Bahn-Anschlüsse be- saßen. Ohne Berücksichtigung von Familienangehörigen rech- nete die lokale Besatzungsverwaltung damit, dass 30-35.000 Mann britisches Personal nach Hamburg kommen würde.'2 Etwa 45-50.000 deutsche „civilians" sollten deshalb evaku- iert werden und nicht einmal die Erlaubnis erhalten, Betten, Möbel, Vorhänge, Küchengeräte etc. mitzunehmen, denn die Einrichtungsgegenstände würden die Briten benötigen. Schon bei dieser ersten Besprechung am 6. Dezember 1945 war den Teilnehmern bewusst, welche Tragweite eine solche Aktion haben würde. Truppen sollten in die entsprechenden Gebiete verlegt werden, um die Evakuierung zu kontrollieren. Wach leute hatten zu verhindern, dass die Bewohner in der Nacht zurückkehrten und ihren Hausrat heimlich abholten. Lediglich einige deutsche Handwerker, Arbeiter und Ladeninhaber, die für verschiedene Serviceleistungen benötigt wurden, sollten die Erlaubnis erhalten, in den geschaffenen Enklaven zu blei- ben. Sehr ausführlich und angesichts des nur in vagen Umris- sen bekannten „Hamburg project" auffallend konkret erörterte die Offiziersrunde Fragen der sozialen Betreuung und Freizeit des britischen Verwaltungspersonals. Der Bau eines Kinos für 1.200 bis 1.500 Besucher wurde ins Auge gefasst, ein Theater sollte errichtet werden, bestehende Tenniseinrichtungen im Hirschpark in Blankenese wollten die Experten zu einem Offi- zierssportclub ausbauen lassen, über Golfplätze wurde nach- gedacht, und am Eibufer sollten Badestellen markiert werden. Schließlich besprach man die mit dem „Hamburg project" entstehenden Verkehrsprobleme, soweit sie die Verbindung nach Blankenese betrafen. Fahrplanänderungen für die S-Bahn und eine schnellere Zugfolge wurden für notwendig erachtet. Unter Umständen sollte eine neue Straßenverbindung zum Büroviertel in der Innenstadt geschaffen werden. Vorgeschla- gen wurde auch, den Verkehr von der stark befahrenen Eib- chaussee auf die Straße nach Osdorf umzuleiten. In Umrissen hatte die Offiziersrunde Anfang Dezember 1945 das „Hamburg project" skizziert, aber die zentrale Frage, wo das Personal des Hauptquartiers wohnen sollte, war noch nicht beantwortet worden.

Zwei Wochen später lag ein erster Planungsentwurf („First Outline Plan") vor'3, in dem als Standort für die bri- tischen Wohngebiete „the Blankenese area" (Blankenese, Flottbek und Othmarschen) bestätigt wurde. Als bevorzugtes Reservewohngebiet wurde nun Eppendorf genannt, Volksdorf rückte an die zweite Stelle. Erstmals erschien es nun „more than probable", dass zusätzlich ein nordwestlich der Außenals- ter gelegenes Wohnviertel in die Planung einbezogen werden sollte. Denn zum einen genüge es nicht, nur für die evakuierte deutsche Bevölkerung Ersatzwohnraum zu schaffen, sondern das Personal des Hauptquartiers verdränge auch die lokale Besatzungsverwaltung. In Blankenese müssten danach etwa 16.000 Angehörige von Kontrollkommission und Rheinarmee untergebracht werden, etwa 12.000 britische Soldaten aber sollten dafür dort weichen. Zum Zweiten hatte eine durchge- führte Hauszählung das Resultat ergeben, dass für die große Zahl der benötigten „Verheiratetenquartiere", aber auch für die vielen ledigen Frauen in der Besatzungsverwaltung kein ausreichender Wohnraum zur Verfügung stand. Die Zahl der zu evakuierenden Personen schätzte der First Outline Plan auf 50-60.000. Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass die Pla- nung dieser „heavy civilian evacuation" auf hoher Ebene ko- ordiniert werden müsste, denn es sei unmöglich, diese Men- schen in Hamburg unterzubringen. Sie sollten in anderen Ge- bieten der Britischen Zone aufgenommen werden. Hier fanden offenbar Befürchtungen der hamburgischen Besatzungsstellen Eingang, die Verantwortung für eine Operation aufgebürdet zu bekommen, die das eigene Vermögen überstieg. Die Hambur- ger Militärregierung hielt im Übrigen das ganze Umzugsvorha- ben für einen schlechten Plan, aufgestellt am grünen Tisch und ohne Kenntnis der realen Situation.'

 
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Karl Heinz Hoffmann
Hamburgisches Architekturarchiv